Auf leisen Sohlen

Auf leisen Sohlen

20. November 2018 0 Von Ghostwriter

Er fin­det mich, immer wie­der. Egal, wo ich hin­ge­he und wie tief ich mich ver­krie­che. Er ver­folgt mich, nimmt mir immer wie­der etwas weg, das ich lie­be. Das mir wich­tig ist. Das mir etwas bedeu­tet. Und sie alle kön­nen nichts dafür, was auch immer zwi­schen ihm und mir steht. Heu­te hat er sich erneut ein Leben geholt und mich wie so oft wei­nend zurück gelas­sen.

Der Tod.

Dies­mal hat er Haouli Cat über die Regen­bo­gen­brücke geschickt. So sinn­los. Und wie jedes Mal die uner­träg­li­che Fra­ge nach dem War­um. War­um gera­de eines mei­ner Büsi? War­um schon wie­der ich? War­um kann er mich nicht end­lich für eine Wei­le in Ruhe las­sen? So vie­le gelieb­te See­len muss­te ich in den letz­ten 3 Jah­ren gehen las­sen, so viel Schmerz habe ich ertra­gen, nur Erin­ne­run­gen, die geblie­ben sind. Erin­ne­rung an Men­schen, die mir nahe stan­den. Erin­ne­run­gen an Tie­re, die mich jah­re­lang beglei­tet haben. Und jedes­mal hat der Tod ein Stück von mei­nem Lachen mit­ge­nom­men, ein Stück von mei­ner Freu­de, ein Stück von mei­nem Leben. Geblie­ben sind mir Trä­nen, Trau­er und die Angst vor jedem neu­en Tag.

Haouli Cat…  ein unglaub­li­cher Stern erstrahlt nun am Him­mel. Sie war etwas ganz Beson­de­res. Für Haouli gab es kei­ne Gren­zen, die war ein Frei­geist. Schon als sie klein war zeig­te sie ihren star­ken Cha­rak­ter. Die­ses ’sper­re eine Kat­ze an einem neu­en Ort min­de­stens 10 Tage ein’ war so gar nicht ihr Ding.  Haouli war 2008 bei mir ein­ge­zo­gen und ran­da­lier­te schon nach 2 Tagen, weil sie nicht nach draus­sen durf­te. Ver­su­che, sie an einem Kat­zen­ge­schirr durch die neue Umge­bung zu füh­ren, schei­ter­ten kläg­lich. Sie klet­ter­te dann ein­fach auf einen Baum und liess mich stun­den­lang mit der Lei­ne in der Hand unten ste­hen. Eines Tages — sie war so um die 6 Mona­te alt — ver­schwand sie ein­fach und kam nicht wie­der. Tage­lang such­te ich inten­siv nach ihr, ver­tei­le Flug­blät­ter, klin­gel­te an den Häu­sern, frag­te nach, sprach die Men­schen auf der Stras­se an. Ich fuhr jeden Tag mit dem Fahr­rad stun­den­lang durchs Dorf, such­te jeden Win­kel, jedes Loch und jedes Abfluss­rohr nach Haouli ab. Ich kämp­fe mich von vor­ne durch das gan­ze, lang­ge­zo­ge­ne Dorf, gab ein­fach nicht auf. Ich ver­teil­te uner­müd­lich mei­ne Flug­blät­ter, frag­te jede Per­son, die ich antraf. Auf ein­mal war da die­ser Schü­ler, er kam auf mich zu und frag­te, ob ich die Frau sei, die die hel­le Kat­ze ver­miss­te. Ich bejah­te. Er mein­te, er hät­te das Flug­blatt gese­hen und die­se Kat­ze wür­de bei einer Schul­freun­din woh­nen, da oben, bei den Häu­sern am Hang. Er streck­te sei­ne Hand aus und zeig­te mir das Haus. Ich rann­te natür­lich sofort los, erreich­te das Haus, klin­gel­te und war­te­te ange­spannt. Eine Frau mach­te auf, schau­te mir fra­gend an, doch ich war so auf­ge­regt, ich konn­te ihr nur das Flug­blatt ent­ge­gen strecken. Sie nahm es in die Hand und sagte:‘Ja, die­ses Büsi ist bei uns. Schon seit über einer Woche’. Sie erzähl­te mir, dass ihnen die­se Kat­ze an dem Tag, als ihr Vater gestor­ben sei, zuge­lau­fen wäre. Ihre Toch­ter wür­de sehr unter dem Ver­lust des Gross­va­ters lei­den und die Kat­ze wei­che seit­her nicht von der Sei­te des Mäd­chens. Ich war etwas sprach­los. Haouli war gekom­men, um zu hel­fen. Da sie auf der ande­ren Sei­te des Dor­fes wohn­ten, hat­te die Fami­lie noch nicht mit­be­kom­men, dass ich schon seit Tagen nach dem Büsi such­te. Ich war natür­lich über­glück­lich und nahm Haouli wie­der mit nach Hau­se. Seit die­sem Tag ist sie nie wie­der weg gelau­fen.

Haouli war nicht gera­de der Inbe­griff eines Kuschel­bü­sis. Sie ent­schied, wann sie gestrei­chelt wer­den woll­te und auch gleich, wie lan­ge. Her­um­tra­gen ging gar nicht, das war unter ihrer Wür­de. Schliess­lich hat­te sie sel­ber vier Pfo­ten, auf denen sie ganz gut gehen konn­te. Sie war die Ruhe selbst. Solan­ge es nach ihrem Kopf ging. Wir wohn­ten knapp eine Woche im neu­en Haus in Frank­reich, da habe ich beschlos­sen, Tür und Tor für die Kat­zen zu öff­nen, weit zu öff­nen. Nur, um zu ver­hin­dern, dass ich mei­nen Ver­stand ver­lie­re. Es war kaum aus­zu­hal­ten, ange­stif­tet von Haouli rebel­lier­ten sie zu Dritt gegen mich — Mem­phis und Momo natür­lich vor­ne mit dabei. Kaum konn­ten sie nach draus­sen, kehr­te schlag­ar­tig Ruhe ein.

Haouli Cat… ich wer­de Dich so sehr ver­mis­sen. So unauf­fäl­lig Du manch­mal auch erschienst, so stark warst Du und stets ein Vor­bild für mich. Läufts gut, dann hal­te Dich still, läufts nicht, so tei­le Dich mit. So warst Du. Dan­ke für die Zeit, die wir mit Dir ver­brin­gen durf­ten. Dan­ke für Dei­ne Für­sor­ge all die Jah­re und dan­ke, dass Du da warst ?

Nun bist Du auf dem Weg über die Regen­bo­gen­brücke, auf dem Weg zu Kimi, Dei­nem Enkel, der schon im Juni vor­aus gegan­gen ist. Hier auf der Erde wirst Du neben ihm Dei­ne letz­te Ruhe fin­den, auf der Wie­se, mit frei­em Blick über das Tal ?

Run free, klei­ne Haouli Cat, run free.….